1926

Die Brüder Rasch

Die Brüder Heinz (1902–1996) und Bodo Rasch (1903–1995) gründeten 1926 ihr Bauatelier in Stuttgart. Vielseitig, talentiert und kreativ, hatten sie großes Interesse an den Ideen der modernen Bewegung und zählten bald zu den bedeutenden Protagonisten des »Neuen Bauens« im deutschen Südwesten. Visionären Erfindergeist verbanden sie mit lösungsorientierter Ingenieurskunst. Ihr gestalterischer Ansatz spiegelt sich auch in ihrem Grafik- und Produktdesign (Möbel).

Der Stuhl: Heinz und Bodo Rasch

Stuttgart, Akademischer Verlag Dr. Fritz Wedekind, 1928

Ihr Atelier entwickelte sich bald zu einem wichtigen Treffpunkt der Stuttgarter Design- und Architekturszene. Mit vielen Avantgarde-Künstlern wie Willi Baumeister, Oskar Schlemmer, Kurt Schwitters und Otto Dix pflegten die Brüder Rasch freundschaftliche Kontakte. Darüber hinaus arbeiteten sie eng mit brillanten Architekten wie Walter Gropius, Erich Mendelsohn, Bruno Taut und Martin Wagner zusammen. Während des Baus der Stuttgarter Weißenhofsiedlung nutzte Mies van der Rohe für kurze Zeit das Rasch-Atelier und die beiden Brüder gestalteten zwei Musterwohnungen im zentralen Wohnblock des bedeutenden Leiters der Bauausstellung. Ihre Entwürfe für hängende Häuser und ihre Ideen für modulare oder luftgefüllte Gebäudekonstruktionen waren revolutionär und einzigartig in der Baugeschichte des 20. Jahrhunderts.

1940

Lilo Rasch-Naegele

In der Stuttgarter Reinsburgstraße unterhielt Lilo Rasch-Naegele, seit 1940 die Ehefrau von Bodo Rasch, ein eigenes Zeichenatelier und war eine gefragte Gebrauchsgrafikerin, Modezeichnerin und Buchillustratorin. Sie arbeitete für namhafte Firmen aus der Textil- und Verlagsbranche, etwa für Gröber-Neufra, ARAL, Schiesser und Elbeo, für die Stern-Anzeigenabteilung, für diverse Verlage (vor allem Boje, Kurt Desch, Wilhelm Goldmann, Albert Müller, Carl Überreuther und Ullstein-Propyläen) sowie für die Stuttgarter Zeitung.

Lilo Rasch-Naegele: »Mercédès Jellinek«

Mercedes-Benz Illustrierte, herausgegeben anlässlich der Internationalen Automobilausstellung 1955, Titelseite

1950 fand Lilo Rasch-Naegele in dem von ihrem Mann Bodo Rasch für seine Familie entworfenen Villenbau in Oberaichen bei Stuttgart einen neuen Lebensmittelpunkt. In der »Kunstfabrik«, wie sie ihr Wohnhaus und Atelier im Wispelwald bezeichnete, begann für Lilo Rasch-Naegele eine neue, experimentelle Schaffensphase mit Ölfarben. Nicht weniger umfangreich und stilistisch vielschichtig ist das unkommerzielle grafische Werk der Künstlerin.

Blau auf Ockergelb

1968

Purpur auf Grün

1968

Orange auf Blau

1968

1967

Frei Otto und Bodo Rasch – Vision findet Form

Während seines Studiums wurde Bodo Rasch Junior, der gemeinsame Sohn von Bodo Rasch Senior und Lilo Rasch-Naegele, Mitarbeiter von Frei Otto – zunächst im Institut für Leichte Flächentragwerke an der Universität Stuttgart, 1969 dann im Entwurfs- und Entwicklungsbüro Atelier Frei Otto Warmbronn. Rasch leitete die Arbeiten am Neubau des Institutsgebäudes (ursprünglich war die Seilnetzkonstruktion Prototyp für den Deutschen Pavillon auf der Expo 1967 in Montréal) und übernahm die Projektleitung für die ersten fahrbaren Großschirme, die Frei Otto für die Bundesgartenschau in Köln 1971 konzipierte und baute. 1974 folgte die Teilnahme an einem städtebaulichen Wettbewerb für Pilgerunterkünfte in der Zeltstadt im Tal Mina bei Mekka. Im gleichen Jahr konvertierte Bodo Rasch zum Islam und nahm den zusätzlichen Vornamen Mahmoud an. Aus der engen Zusammenarbeit mit Frei Otto entstanden gemeinsame Projekte und eine enge Freundschaft. Bis zu seinem Tod war Frei Otto ein Berater in Raschs späterem Team.

Seidenhaut

Modellstudie 01 – 03

Heute

Von Rasch & Associates zur SL Rasch GmbH

1980 gründete Dr. Mahmoud Bodo Rasch das Architekturbüro Rasch & Associates und 1991 die Firma Sonderkonstruktionen und Leichtbau (SL GmbH), die seit 1998 als SL Rasch GmbH Special & Lightweight Structures firmiert. Raschs langjähriges Engagement im Nahen Osten und die Realisierung extrem anpassungsfähiger Leichtbauten führten zu spektakulären Großprojekten für die heiligen Stätten des Islam wie die größte Turmuhr der Welt in Mekka oder das Madinah Piazza Shading Project in Medina. Heute leitet Mustafa Rasch, der Sohn des Gründers, das Unternehmen. Jürgen Bradatsch, langjähriger Chefarchitekt von Dr. Mahmoud Bodo Rasch, zeichnet für den Bereich Design & Engineering verantwortlich, Steffen Huber für den Bereich Finanzen.